Homo homini lupus est […] – ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, zumindest, solange man den anderen nicht kennt. So heißt es schon in der Komödie Asinaria des römischen Dichters Plautus. Den anderen und sich selbst verstehen, dies ist somit zum einen der Schlüssel für einen gelungenen Austausch und für weniger Konflikte. Und zum anderen der Ansatz der gewaltfreien Kommunikation (GFK) , die sowohl für private als auch für berufliche Auseinandersetzungen einige Kommunikations-Kniffe breit hält. Im Rahmen unseres Weiterbildungsformats „OPEN“ haben wir den Experten Jürgen Engel gebeten, uns in die Geheimnisse der GFK einzuweihen. Das Wichtigste haben wir natürlich wieder für euch mitgeschrieben. Kleiner Spoiler: Mit GFK klappt das „Miteinander-Reden“ einfach viel besser.

Zum Start richtete sich Jürgen Engel mit ein paar tiefgründigen Fragen an die CAMAOs: „Wonach sehnst du dich am meisten im Leben? Was liegt dir im Kontakt mit anderen Menschen am Herzen? Was ist dir wichtig im Umgang mit dir selbst?“ Der allgemeine Konsens zeigte: Eigentlich wollen wir alle dasselbe, nämlich Dinge wie Liebe, Selbstverwirklichung, Sicherheit, Wertschätzung oder Akzeptanz.

„All diese Begriffe sind menschliche Bedürfnisse. Jeder hat sie.“, fasste Jürgen Engel unsere Sammlung zusammen. Und genau diese Bedürfnisse sind der Dreh- und Angelpunkt der GFK. Bedürfnisse? Wichtiges Stichwort. Doch bevor wir darauf eingehen, erstmal eine Portion Basics:

Was ist gewaltfreie Kommunikation (GFK)?

Bei gewaltfreier Kommunikation geht es darum, zu kommunizieren, ohne Leid auszulösen. Dies soll erreicht werden, indem man eine empathische Haltung verinnerlicht und diese in den eigenen Kommunikationsprozess übernimmt. Das klingt erstmal abstrakt, bedeutet aber in der Praxis nicht anderes, als dem/der anderen aufmerksam zuzuhören und die Bedürfnisse hinter dem Gesagten zu verstehen (also known as „Empathie“). Damit funktioniert menschliche Interaktion effizienter, achtsamer und vor allem verständnisvoller.

Um die dahinterstehende Denkhaltung zu verstehen, machte Jürgen Engel einen kleinen, philosophischen Exkurs in die Betrachtung des menschlichen Daseins mit uns. Angefangen mit folgenden Grundannahmen:

1. ALLES, was ein Mensch tut, ist immer ein VERSUCH, ein Bedürfnis zu erfüllen.
2. Jeder Mensch tut immer das BESTE, was ihm zu diesem Zeitpunkt möglich ist

Kann man so erstmal unterschreiben. Aber es sei angemerkt: Das Beste ist nicht immer das Richtige. Und ein Versuch kann auch fehlschlagen. Verstanden? Wenn nicht, dann später nochmal in Ruhe reflektieren. Denn nun erklären wir euch, was das mit unseren Bedürfnissen zu tun hat.

Back to the roots: Das Zusammenspiel von Bedürfnis, Gefühl und Handlung

Die Bedürfnisse drehen sich hierbei NICHT um Badewannen aus Gold, einen lebenslangen Vorrat aus Schokolade oder neue Sneaker. Denn alle echten Bedürfnisse verfügen laut Jürgen Engel über jede der folgenden Eigenschaften:

/ Sie sind universell: Alle Menschen haben die gleichen.
/ Sie sind abstrakt: Sie sind immateriell – also nicht käuflich, sichtbar oder greifbar.
/ Sie sind positiv (lebensdienlich): Es gibt keine negativen Bedürfnisse – nur negative Strategien/Handlungen.
/ Sie sind unabhängig: Es gibt viele Möglichkeiten, um ein Bedürfnis zu erfüllen. Sie sind daher nicht an bestimmte Personen, Orte oder Dinge gebunden.

Checken wir mal kurz unsere Liste aus dem Einstieg: Liebe, Selbstverwirklichung, Sicherheit, Wertschätzung, Akzeptanz – ja, passt.

Weiter geht's: Bedürfnisse sind die Ursache all unserer Gefühle. Je nachdem, ob ein Bedürfnis erfüllt ist oder nicht, erleben wir positive oder negative. Damit beeinflussen Gefühle unser Handeln. Ergo: Wir handeln (und kommunizieren), um unsere Bedürfnisse zu befriedigen … womit wir wieder bei den Grundannahmen wären.

„Der Mensch ist eine Bedürfnis-Erfüllmaschine.“ (Jürgen Engel)

Was können wir daraus für den (Projekt-)Alltag mitnehmen?

So weit, so gut. Wie hilft uns dieses Gedankenmodell nun im (beruflichen) Alltag? GFK ist eine innere Haltung, eine Strategie für eine empathische, erfolgreichere Kommunikation. Jürgen Engel spielte zur Veranschaulichung ein paar Gesprächssituationen mit uns durch und zeigte uns live und in Farbe, was es heißt, gewaltfrei zu kommunizieren. Seine konkreten Empfehlungen:

/ Verstehen, welche Bedürfnisse hinter dem Gesagten bzw. den Gefühlen des/der anderen stecken. Was braucht er/sie? Was will er/sie?
/ Dieses Verständnis im Gespräch widerspiegeln, um auf Augenhöhe zu kommunizieren.
/ In Konfliktsituationen auf keinen Fall mit leeren Phrasen abwiegeln: „Das kann ich gut verstehen, aber/und …“, oder inhaltsleere Entschuldigungen vorbringen.
/ Es hilft, sich die Frage zu stellen, welches Bedürfnis bei dem/der Gesprächspartner:in unerfüllt ist und aktiv darauf zu reagieren (statt passiv Vorwürfe einzustecken).
/ Nicht rechtfertigen/herausreden, sondern signalisieren, dass die Botschaft angekommen ist und gemeinsam herausfinden, wie es weitergeht.
/ Wenn der/die andere sich gehört fühlt, kann man in den Lösungsmodus übergehen.

Tipp: Wenn der/die Gegenüber sich mehrfach wiederholt, wurde ihm/ihr noch nicht das Gefühl gegeben, dass er/sie verstanden wurde. Es gilt, die Bedürfnisse hinter dem Gesagten zu hören und diese auch widerzugeben. Dadurch fühlt der/die Gesprächspartner:in sich ernst genommen.

Damit war ein spannendes OPEN auch schon am Ende angelangt und Jürgen Engel gab uns noch folgendes mit auf den Weg:

„In der Praxis braucht empathische Kommunikation etwas Übung und klappt vielleicht nicht in jeder Situation. Aber die Quintessenz kann man schnell verinnerlichen: Der Blick auf die Bedürfnisse des Gegenübers kann für eine erfolgreiche Kommunikation den entscheidenden Unterschied machen.“

Wir werden diese Ratschläge ab sofort befolgen, und du?
Sollte dein Wissensdurst noch nicht gestillt sein, dann check doch mal unseren Beitrag zu Barrierefreiheit im Netz oder stöbere durch unsere anderen #CAMPUS Themen! Viel Spaß und bis zum nächsten OPEN Recap.